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Geisteskinder

Universelle Roboter: In vierzig Jahren haben sie uns überholt

Ein Artikel aus ct' 06/1996 von Hans Moravec

Anmerkung: Aus der Sicht des Jahres 2009 ist es interessant, die Gedanken von 1996 Revue passieren zu lassen. Auch wenn der Autor den Zeitmasstab vielleicht nicht genau getroffen hat: Die Robotik wird diesen Fortschritt machen und die Maschinen jedwelcher Art werden den Menschen die langweilige, stupide Arbeit weitgehend abnehmen.

 

Die technische Zivilisation ist der Vorbote einer ganz neuen Art von Existenz, die unsere Form des Lebens genauso weit übertrifft, wie unser Leben die bloße Chemie hinter sich läßt. Die biologische Evolution wird von der millionenfach schnelleren geistigen Evolution abgelöst.

Die biologische Evolution lernt von der Vergangenheit, aber der Geist nimmt die Zukunft vorweg und gestaltet sie nach seinem Geschmack. Er hat sich im beschleunigten sozialen und technologischen Wandel manifestiert, aber die bisherige Entwicklung ist bloß ein schwacher Anfang. Noch hängt das Tempo des Wechsels vom Menschen ab, aber im nächsten Jahrhundert werden vom Menschen geschaffene Artefakte dem Wandel eine neue Dynamik geben. 

Der britische Mathematiker Alan Turing nahm im Jahre 1935 Hilberts Idee von der `Mechanisierung´ der Mathematik wörtlich und wies theoretisch nach, wie Maschinen, die sich über ein (Papier-)Band bewegen und dabei anhand einfacher Regeln Symbole lesen, schreiben und löschen, beliebige endliche mathematische Operationen ausführen können. Außerdem zeigte er, daß es sogar Maschinen gibt, die die anfänglichen Inhalte ihrer Bänder als eine Beschreibung einer beliebigen anderen Maschine interpretieren und dann diese andere Maschine simulieren. Solche universellen Turing-Maschinen inspirierten die Konstruktion früher Computer und dienen immer noch als mathematische Werkzeuge zur Untersuchung von Rechenvorgängen. 

Computer sind die physikalische Umsetzung von Turings universellen Maschinen, jedoch sind sie lediglich bei der Verarbeitung von Symbolen universell. Ein universeller Roboter dehnt das Konzept in den Bereich des Wahrnehmens und Handelns aus. Da das Spektrum physischer Arbeit in der Realität sehr breit gefächert ist und längst nicht nur Schreibarbeiten umfaßt, ist es wahrscheinlich, daß es sehr viel mehr universelle Roboter als bloße universelle Computer geben wird, sobald ihre Fähigkeiten und Kosten dies rechtfertigen. Umprogrammierte Reinigungsmaschinen sind ein kleiner Schritt in diese Richtung; nennen wir sie die nullte Generation universeller Roboter. Die nachfolgenden Generationen werden von Anfang an auf Universalität ausgelegt sein. 

Generation1

Die Aktivitäten eines Roboters ergeben sich aus dem Repertoire seiner Wahrnehmungs- und Handlungsmöglichkeiten. Roboter der ersten Generation werden in einer für Menschen gebauten Welt existieren, und ihr Repertoire ähnelt sinnvollerweise dem eines Menschen. Die durchschnittliche Größe, Form und Stärke der Maschinen sollte der des Menschen entsprechen, damit die Roboter überall da gehen und greifen können, wo auch Menschen hinkommen. Ihre Mobilität sollte auf ebenem Untergrund effizient sein, wo ja die meisten Aufgaben auszuführen sind. Aber auch auf Stufen und unebenem Untergrund sollten sie sich zuverlässig bewegen können, damit sie nicht auf eingeschossigen `Inseln´ gefangen sind. Sie sollten in der Lage sein, mit den meisten Gegenständen des täglichen Gebrauchs umzugehen und sie in der nahen Umgebung auch zu finden. 

Eine Rechenleistung von 1000 MIPS (Millionen Instruktionen pro Sekunde) reicht gerade dafür aus, daß ein beweglicher Roboter eine grobe Skizze seiner Umgebung speichern und darauf zugreifen kann, um sich selbst relativ zu erlernten Routen lokalisieren und die Bewegung planen und steuern zu können. Im Stillstand reicht die Leistung aus, um eine genauere Skizze des Aktionsbereichs zu erstellen, bestimmte Gegenstände zu finden sowie Armbewegungen zu planen und zu steuern. Wenn ein Roboter nicht mit seinen besonderen Funktionen beschäftigt ist, sollte er die Zeit nutzen und mit PCs über drahtlose Netze kommunizieren, um gesprochene Sätze zu erzeugen und zu interpretieren und um gedruckte Texte zu erzeugen und zu lesen. Programme für spezielle Anwendungen werden zusätzlich (etwa über Hochgeschwindigkeitsnetze) abrufbar sein, um nützliche Aufgaben auszuführen. 

Ebenso wie bei den Computern werden sich Einsatzgebiete von Robotern ergeben, an die selbst ihre Hersteller nicht gedacht haben. Möglicherweise werden Programme entwickelt, mit denen Roboter leichte mechanische Arbeiten ausführen (beispielsweise andere Roboter zusammensetzen), Inventuren in Lagerhäusern durchführen, Speisen zubereiten, Autos auf höchste Leistung einstellen, gemusterte Teppiche knüpfen, Unkraut jäten, Rennen fahren, Spiele spielen, Ziegel mauern oder bildhauern. Für einige Aufgaben wird spezielles Zubehör erforderlich sein, etwa Werkzeuge oder chemische Sensoren. Jede Anwendung erfordert eine eigene, im Vergleich zu heutigen Computerstandards sehr komplexe Software. Die Programme werden Module umfassen, mit denen Dinge in der Umgebung erkannt, erfaßt, manipuliert, transportiert und zusammengesetzt werden können. Diese Module werden von lernenden Programmen auf Supercomputern (mit etwa 100 000 MIPS) entwickelt werden. Zu gegebener Zeit wird wohl eine wachsende Bibliothek aus Modulen für Teilaufgaben das Erstellen neuer Programme erleichtern. 

Ein Roboter der ersten Generation wird die Gehirnleistung eines Reptils haben. Die meisten Anwendungsprogramme werden sich so sehr bemühen, ihre Primärfunktionen auszuführen, daß die Persönlichkeit des Roboters der einer Waschmaschine ähnelt. 

Generation2

Die Roboter der ersten Generation werden noch engstirnige Sklaven unflexibler Programme sein, die unerbittlich ihre Aufgaben erledigen - oder ihre Fehler wiederholen. Ihre Programme werden die eingefrorenen Ergebnisse von Lernvorgängen sein, die auf größeren Computern unter menschlicher Aufsicht durchgeführt worden sind. Man wird ihnen vielleicht sagen können, daß das Arbeitszimmer bis auf weiteres nicht geputzt werden soll oder daß der Staubsauger fortan unterm Bett zu finden ist. Darüber hinaus werden sie nicht in der Lage sein, neue Fähigkeiten zu erlernen oder sich auf unerwartete Bedingungen einzustellen - selbst ganz bescheidene Änderungen des Verhaltens werden eine Umprogrammierung erfordern, die wahrscheinlich von den Herstellern der Software vorgenommen werden muß. 

Die Roboter der zweiten Generation werden dank der dreißigmal höheren Verarbeitungsgeschwindigkeit anpassungsfähiger sein, da sie nach der Fertigstellung noch etwas lernen können. Die Grundidee des adaptiven Lernens besteht darin, beim Handeln auf Feedback zu achten: Die Auswirkungen einer Aktion werden beurteilt, um die Mechanismen des Handelns zu verbessern. Die technisch einfachste Lösung besteht darin, eine erfolgreiche Verhaltensweise unter ähnlichen Umständen wieder einzusetzen, während eine weniger erfolgreiche nicht so schnell wiederholt wird. Schnelle Lernverfahren wie neuronale Netze tunen die Parameter zur Verhaltenssteuerung immer weiter, bis die Handlungen nahezu ideal verlaufen. Programme für Roboter der zweiten Generation werden mit vielen derartigen Lerntechniken arbeiten und so neue Fähigkeiten entwickeln - aber auch in neue Fallen tappen. 

Roboter der zweiten Generation werden manchmal von Menschen trainiert, aber häufiger einfach aus ihren Erfahrungen lernen. Beim Lernen aus Erfahrungen wird das Feedback durch ständig ablaufende Konditionierungsprogramme ergänzt, die nach mehr oder weniger wünschenswerten Situationen Ausschau halten und Signale erzeugen, die auf die Robotersteuerung einwirken. 

Im Augenblick haben Programme zur Spracherkennung schwer damit zu tun, gesprochene Wörter zu verstehen, aber bis 2010 sollten sie auch in der Lage sein, den Sprecher zu identifizieren und emotionale Untertöne zu deuten. Ein Roboter der zweiten Generation mit einem Vielzweck-Handlungsprogramm könnte wohl wie ein Zirkusbär langsam für neue Aufgaben trainiert werden. Die wichtigen Schritte wird man beim Training wohl direkt definieren können (auch per Spracheingabe), so daß in der Konditionierungsphase nur noch die Feineinstellung vorgenommen werden muß. 

Generation3


Adaptive Roboter der zweiten Generation werden überall einen Job finden und könnten sich zum weltweit bedeutendsten Industrieprodukt entwickeln. Aber es wird eine langwierige Aufgabe sein, ihnen neue Fähigkeiten anzutrainieren, sei es durch das Schreiben von Programmen oder durch Schulung. Ein Roboter der dritten Generation führt einen Computer mit sich, der so stark wie der Supercomputer ist, der die Programme der zweiten Generation offline optimiert. Roboter werden dadurch viel schneller lernen, da sie Simulationen einsetzen und nicht auf langsame und gefährliche eigene Erfahrungen angewiesen sind. Neue Möglichkeiten werden sich auftun, und neue Probleme entstehen. 

Mit einem Simulator auf der Hauptplatine wird ein Roboter in der Lage sein, ein Modell der Ereignisse in der Umgebung ständig zu aktualisieren, um die Welt in Echtzeit zu simulieren. Dafür muß der Roboter alle Gegenstände als das erkennen, was sie sind, damit er richtig mit ihnen umgehen kann. Zu diesem Zweck sind Module erforderlich, die für jede Art von Dingen speziell trainiert sind (nennen wir sie Wahrnehmungselemente). Möglicherweise werden einige Wahrnehmungselemente schon für die Industrieroboter der zweiten Generation entwickelt, um die langwierige Aufgabe der Simulation von Roboterarbeitsplätzen teilweise zu automatisieren. Es wird jedoch darüber hinaus sicher erforderlich sein, die Wahrnehmungselemente zu systematisieren und dabei bestehende Lücken zu füllen, um ihren vollautomatischen Einsatz in der dritten Generation zu ermöglichen. Anhand von Wahrnehmungselementen läßt sich die dreidimensionale Skizze eines Raumes, mit der ein Roboter der dritten Generation arbeitet, in ein verarbeitungsfähiges Modell umformen, da jeder Gegenstand identifiziert und mit seinen eigenen Interaktionselementen verknüpft wird - ein Hocker wird im Gegensatz zum Schirmständer als Sitzmöbel erkannt. 

Eine ständig aktualisierte Simulation des Ichs und der Umgebung vermittelt einem Roboter interessante Fähigkeiten. Wenn die Simulation etwas schneller als in Echtzeit ausgeführt wird, kann der Roboter vorhersehen, was er gleich tun wird, und seine Absichten noch ändern, sofern die Simulation vorhersagt, daß das Ergebnis nicht wünschenswert ist - eine Art Bewußtsein. Im größeren Rahmen kann ein Roboter, bevor er eine neue Aufgabe in Angriff nimmt, die entsprechende Situation mehrmals mit eingeschaltetem Konditionierungssystem simulieren und so aus den simulierten wie aus den tatsächlich gesammelten Erfahrungen lernen. Ist der Roboter auf diese Weise gut auf die Aufgabe vorbereitet, wird er sie wahrscheinlich beim ersten Versuch in der Wirklichkeit erfolgreich ausführen - im Gegensatz zu einer Maschine der zweiten Generation, die alle Fehler in der Realität machen muß. Wenn der Roboter ein wenig `Freizeit´ hat, kann er zuvor gesammelte Erfahrungen noch einmal durchspielen und neue Varianten ausprobieren, wobei er möglicherweise Methoden zur Verbesserung seines zukünftigen Verhaltens entwickelt. 

Ein ausreichend ausgefeilter Roboter der dritten Generation, dessen Simulation sich auf andere Akteure - Roboter und Menschen - ausdehnt, wäre in der Lage, jemand anders bei der Ausführung einer Tätigkeit zu beobachten und ein Programm zu entwickeln, mit dem er die Tätigkeit selber ausführen könnte: Er würde imitieren. Durch ein Konditionierungsprogramm, bei dem die Belohnungen proportional dazu sind, wie nahe die Aktionen eines Roboters dem gewünschten Ergebnis kommen, könnte ein Roboter der dritten Generation außerdem die Fähigkeit besitzen, einfache Programme für sich selber zu erfinden. Die Anweisung `Stelle das Glas auf den Tisch´ könnte ein Konditionierungsmodul erzeugen, dessen Belohnung proportional zum Abstand zwischen Glasunterseite und Tischplatte ausfällt. Zusammen mit Standardmodulen, die beispielsweise negative Signale erzeugen, wenn Flüssigkeit aus dem Glas herausschwappt oder das Glas umfällt, können wiederholte Simulationen eine Sequenz aus Armbewegungen erzeugen, die die Aufgabe erfüllt. 

Da es gefährlich wäre, einen Roboter auf eine bestimmte Aufgabe anzusetzen, bevor er gute Modelle von den beteiligten Gegenständen hat, muß man Robotern der dritten Generation Zeit zum `Spielen´ geben. In dieser Zeit dürfen sie zur Verbesserung ihres Weltmodells Gegenstände bewegen, Räume erkunden und kleinere Aktivitäten ausprobieren. 

Generation4

Während die `Bottom-up´-Evolution der Roboter die Wahrnehmungsleistungen und die motorischen Fähigkeiten menschlicher Wesen nach und nach auf Maschinen überträgt, wird auch die Mechanisierung des logischen Denkens perfektioniert. Da schon die heutigen Programme in einigen eng begrenzten Bereichen mit den Menschen mithalten können, sollten die Programme in vierzig Jahren eher übermenschlich sein, denn die Computer werden eine Million mal schneller als die heutigen sein. Schlußfolgerungsprogramme arbeiten im Augenblick mit kleinen Mengen eindeutiger, von Menschen aufbereiteter Informationen - Daten von Robotersensoren wie etwa Kameras sind viel zu umfangreich und verrauscht, so daß die Programme sie nicht nutzen können. Ein leistungsfähiger Robotersimulator wird jedoch gut organisierte und indizierte Beschreibungen des Roboters und seiner Welt umfassen, um so die für das Schlußfolgern benötigten Informationen zu liefen - ob etwa ein Messer auf einem Tresen liegt, ob ein Roboter eine Tasse in der Hand hält oder ob ein Mensch verärgert ist. 

Die Computer der universellen Roboter der vierten Generation werden so leistungsfähig sein, daß sie die Welt gleichzeitig simulieren und über die Simulation nachdenken können. Für andere Roboter oder für sich selbst werden sie höchst ausgefeilte Roboterprogramme entwickeln können. Darüber hinaus werden sie die Fähigkeit besitzen, natürliche Sprachen zu verstehen. Die bis dahin verbreiteten Programme zum Sprachverstehen werden wohl mit einer Datenbank von Aussagen des Alltagswissens arbeiten, ähnlich der vom Cyc-Projekt entwickelten Datenbank, wo die Bedeutung der Wörter lediglich in bezug auf andere Wörter definiert ist. Die Roboter der vierten Generation werden dagegen ein tieferes Verständnis von einigen Begriffen und Aussagen erlangen, weil ihnen ein Simulator zur Verfügung steht. Wenn jemand dem Roboter sagt: `Das Wasser läuft in die Badewanne´, kann er seine Simulation der Welt in der Form aktualisieren, daß sie nun auch das Einfließen in die nicht sichtbare Wanne umfaßt, wobei eine Extrapolation auf ein späteres unerwünschtes Überfließen hinweisen und den Roboter motivieren würde, ins Badezimmer zu gehen und das Wasser abzudrehen. 

Das durch den Simulator verbesserte Sprachverständnis und Schlußfolgern kann bei den Robotern so effektiv sein, daß es auch in gewöhnlichen Computerprogrammen zum Einsatz kommt, die dadurch in der physikalischen Welt verankert werden: Computer haben über den Simulator teil an Erfahrungen der Roboter. Der Unterschied zwischen den Roboter-Kontrollprogrammen und den körperlosen Denkern wird immer kleiner werden. Zwischen Computerprogrammen und Roboterkörpern wird man manchmal eine Verbindung herstellen, um eine physische Auseinandersetzung mit der Welt interaktiv zu ermöglichen, und die Gehirne der Roboter wird man manchmal in große Computer verlagern, um dort intensive Denkleistungen offline zu erbringen. 

Ein Roboter der vierten Generation wird in der Lage sein, Absichtserklärungen von Menschen zu verstehen und diese in detaillierte Programme zu `kompilieren´, die die Aufgabe erledigen. Mit einer weltumfassenden Datenbank könnte es sich dabei um recht allgemeine Aussagen handeln: `Geld verdienen´, `mehr Roboter bauen´ oder `einen intelligenteren Roboter entwerfen´. Tatsächlich werden die Roboter der vierten Generation umfassende menschliche Fähigkeiten besitzen und uns in gewisser Weise ähneln, aber in anderer Hinsicht mit nichts vergleichbar sein, was es vorher gegeben hat. Da sie ihre eigenen Nachfolger konstruieren, wird die Welt immer eigenartiger werden. 

Roboters Innenleben

Die vier Generationen der universellen Roboter sind vergleichbar mit vier einhundert Millionen Jahre dauernden Entwicklungsstufen des Gehirns von Wirbeltieren. Diese Entwicklung ist im wesentlichen durch eine Vergrößerung des verlängerten Rückenmarks, Kleinhirns, Zwischenhirns und Großhirns gekennzeichnet. Im Unterschied dazu wird die Roboterentwicklung mit zehnmillionenfacher Geschwindigkeit abgespult. Da die vierte Robotergeneration uns in Entwicklung und Verhalten ähneln wird, können wir uns fragen, ob sie in irgendeiner Form ein mentales Innenleben hat, das mit dem unsrigen vergleichbar ist. Sind sich diese Roboter ihrer Existenz bewußt, haben sie ein Gefühlsleben? Die herkömmliche Antwort auf diese Fragen ist ein deutliches, unüberlegtes Nein - Maschinen sind und bleiben kalt und gefühllos.

Die Vorstellung von Maschinen mit einem bewußten mentalen Innenleben ängstigt einige Menschen, andere macht sie wütend - eine verständliche Reaktion aus dem Bauch heraus, da diese Vorstellung mit der uns vertrauten Einschätzung der Natur der Dinge in Konflikt steht. Mit einer ähnlichen Vehemenz trat man Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts den Vorhersagen zur Raumfahrt entgegen. Raumfahrt verletze die offensichtliche Trennung zwischen der Erde und dem Himmel - eine heilige Unterscheidung in den meisten Religionen. Wenn die Aufhebung dieser Trennung überhaupt möglich wäre, würde das mit Sicherheit die natürliche Ordnung durcheinanderbringen und schreckliche Konsequenzen zeitigen. 

Denkende Maschinen heben die gleichermaßen offensichtliche und heilige Trennung zwischen den Lebenden und den Toten auf. Diese Trennung ist in unserer Mentalität begründet: Die Fähigkeit, sich mit lebenden Dingen auseinanderzusetzen, mit Gefühlen, Erinnerungen und Absichten, unterscheidet sich vollkommen von den Techniken, mit denen gefühlloses, totes Material bearbeitet wird. Belebte Maschinen gibt es zwar schon seit Hunderten von Jahren, doch sie agieren mehr wie unbelebte Dinge ohne Bewußtsein für Vergangenheit oder Zukunft, und sie reagieren auf die Fähigkeiten und nicht auf den Charakter ihrer Benutzer. Aber die Zeit, in der die Komplexität maschinellen Verhaltens kleiner als bei einem Bakterium ist, ist vorbei. Die Vergangenheit läßt ebenso wenig auf die Mentalität der zukünftigen Roboter schließen, wie das Verhalten von Bakterien auf die menschliche Psyche schließen läßt. 

Lebensnerv

Denker der Vergangenheit, die nur das Verhalten beobachten konnten, stellten die Theorie auf, daß das Lebensprinzip, das die Lebenden von den Toten trennt, eine besondere Art von Substanz ist. Im letzten Jahrhundert wurden in der Biologie, der Mathematik und verwandten Wissenschaften schlagkräftige Beweise dafür zusammengestellt, daß es sich bei dem Lebensprinzip nicht um eine Substanz, sondern um eine sehr spezielle und sehr komplexe Form der Organisation handelt. Diese besonderen Organisationsprinzipien wurden einst nur in biologischer Materie vorgefunden, tauchen jetzt jedoch langsam, aber sicher in unseren besonders komplexen Maschinen auf. Nach der alten Metapher sind wir dabei, die tote Materie um uns herum mit Leben zu erfüllen. Bald wird es uns eine Ehre sein, den einen oder anderen aus dem Reich der toten Dinge im Land der Lebenden begrüßen zu dürfen, wie sehr dies auch unsere althergebrachten Sicherheiten erschüttern mag. 

Bei der Beschreibung der Roboter der dritten Generation wurde darauf hingewiesen, daß Echtzeitsimulationen, die eine Erinnerung an die Vergangenheit und eine Erwartung der Zukunft ermöglichen, eine Art von Bewußtsein vermitteln. Dieses Bewußtsein bietet den Robotern die Möglichkeit, ihre Taten samt Auswirkungen vor oder während der Ausführung zu untersuchen und ihr Verhalten ausgehend von den Erkenntnissen zu ändern. Wenn die Simulation eine bescheidene Darstellung wichtiger Eigenschaften des Roboterinneren wie Ladezustand der Batterie, Temperatur, Balance oder gar Programmzustand umfaßt, dann vermittelt der Simulator einen gewissen Grad an Selbsterkenntnis: Die Taten des Roboters werden teilweise davon abhängig gemacht, wie sie sich auf seinen inneren Zustand auswirken. Selbst abgesehen von einem Modell des Inneren gibt es einen impliziten Hinweis auf ein Roboter-Ich als Zentrum des detailreichsten Bereichs der Simulation und als Ursprung aller Koordinatensysteme, was das Zentrum der Roboterwelt darstellt. Die meisten Säugetiere verfügen wahrscheinlich über ein nonverbales Wahrnehmungs- oder Bewegungsbewußtsein, das mit diesem vergleichbar ist. 

Bei Robotern wie bei Menschen hat das Bewußtsein Konsequenzen: Wir sehen uns über die Schulter und werden unsere eigenen Beifahrer, die ständig einen Kommentar abgeben müssen. Es gibt viele Möglichkeiten, das Roboter-Steuersystem der vierten Generation aus Handlung, Konditionierung, Simulation und Schlußfolgerung zu konfigurieren. Bei manchen Varianten wird ein Roboter bewußter als ein durchschnittlicher Mensch handeln und daher seine eigenen Aktionen leichter unterbrechen - um in sich zu gehen, aber häufig nur um unentschlossen zu sein. Bei anderen Konfigurationen wird er weniger bewußt, mehr wie eine Aktionsmaschine handeln, die ihre Aufgabe zwar meist erfüllt, aber auch öfters Mißerfolge einstecken muß. Zweifellos werden unterschiedliche Aufgaben von unterschiedlichen Schwerpunkten profitieren; Entscheidungen werden aus Erfahrung getroffen. Irgendwann werden denkende Wissenschaftsroboter möglicherweise einleuchtende Theorien entwickeln, die die verworrenen Wechselwirkungen unseres Bewußtseins aufklären, und sie werden damit die Fähigkeit haben, den Geist so zu konfigurieren, daß er bestimmte gewünschte Eigenschaften aufweist. Aber dann wird ihr eigener, durch Lernen verbesserter Robotergeist viel besser organisiert sein als bei uns Menschen, und er wird sie selbst wahrscheinlich genauso verblüffen, wie uns Menschen unser eigener Geist erstaunt. 

Überrationalität

Die oben beschriebene spekulative Evolution der Roboter konzentriert sich auf die mentalen Ähnlichkeiten zwischen Roboter und Mensch. Die Unterschiede sind möglicherweise größer, da sich die Stärken der Maschinen von unseren unterscheiden werden. Das logische Denken der vierten (und letzten) Robotergeneration wird viel ausgereifter sein als das der Menschen, wahrscheinlich mindestens eine Million mal so schnell, mit einem millionenfach größeren Kurzzeitgedächtnis. Logisches Denken in diesem Sinne ist ein Vorgang, der aus der Sicht der Berechenbarkeitstheorie universell ist - es kann jede andere Berechnung simulieren und somit prinzipiell die Aufgabe der Weltmodellierung, der Konditionierung oder des Anwendungsprogramms selber erfüllen. Auch wenn logisches Denken unermüdlich auch abgelegenste Eventualitäten untersucht und somit ein relativ langsames Verfahren zur Ausführung der meisten Grundfunktionen des Geistes ist, könnte es zur Entwicklung von Shortcuts für komplizierte Handlungsabläufe führen und somit unterm Strich schneller sein. 

Bei einem vollkommen von solchen Schlußfolgerungen gesteuerten Roboter wären selbst die kleinsten Aktivitäten keine unflexiblen, antrainierten Reflexe, sondern sorgfältig auf langfristige Ziele hin ausgerichtete Schritte; jedes Zucken wäre mit einem Zug in einem Schachspiel vergleichbar. Sofern es einen solchen überrationalen Roboter überhaupt jemals geben wird, wird er sich möglicherweise in den meisten Fällen nicht sehr von einer herkömmlich organisierten Maschine unterscheiden. Aber von Zeit zu Zeit würden einige seiner Handlungen ein spektakuläres Ereignis hervorrufen, das ein bestimmtes Ziel erfüllt - vergleichbar mit einem Billardstoß über zwanzig Banden, bei dem eine verwirrende Aktivität auf dem Tisch entsteht und schließlich zehn Kugeln versenkt werden. Andererseits kann bei solchen langen Handlungsketten in der Wirklichkeit auch eine Menge schiefgehen. Selbst überrationale Roboter werden sich vielleicht meistens damit zufriedengeben müssen, Entwicklungen Schritt für Schritt voranzutreiben und dabei stets unvorhergesehene Störungen zu beheben. 

Geistiges Erbe

Die vierte Robotergeneration ist dem Menschen in Wahrnehmung und Motorik ebenbürtig und übertrifft ihn sogar im logischen Denken. Sie könnte den Menschen bei jeder wichtigen Aufgabe ersetzen. Im Prinzip könnte unsere Gesellschaft zunehmend besser ohne uns funktionieren, wenn statt dessen Maschinen Firmen leiten, Forschung betreiben und produktive Arbeit leisten. Da man Maschinen so auslegen kann, daß sie in der Lage sind, im Weltraum zu arbeiten, könnte man die Produktion zu Stellen im Sonnensystem verlagern, wo die größten natürlichen Ressourcen vorhanden sind. Zurück bliebe ein vom Weltraum subventioniertes Naturreservat namens Erde. Menschen leben dann in diesem Reservat, während sich die schnell weiterentwickelnden Maschinen im restlichen Universum ausbreiten. 

Dies kann man als eine völlig natürliche Entwicklung betrachten. Menschen haben zwei Vererbungskanäle, zum einen die alten biologischen DNA-Stränge, zum anderen die kulturellen Informationen, die von Geist zu Geist durch Beispiele, Sprache, Bücher und in letzter Zeit auch durch Maschinen weitergegeben werden. Derzeit sind beide Kanäle untrennbar miteinander verknüpft, aber der kulturelle Anteil entwickelt sich rasend schnell und übernimmt langsam, aber sicher Funktionen, die einst in den Bereich unserer Biologie gehörten. Unser biologisches Erbe wird wahrscheinlich nicht verlorengehen - es wird in Zoos und Libraries sicher aufbewahrt, auch wenn seine Bedeutung in großem Maße abnehmen wird. Vom Informationsgehalt her ist die kulturelle Seite bereits der weit größere Teil von uns. Der vollkommen intelligente Roboter kennzeichnet den Punkt, an dem unsere kulturelle Seite allein, frei von biologischen Grenzen existieren kann. Intelligente Maschinen, die sich unter unseren Fittichen entwickeln, unsere Fähigkeiten erlernen, unsere Ziele teilen und von unseren Werten geformt werden, kann man als unsere Kinder betrachten, die Kinder unseres Geistes. (ts) 

Der Text ist ein Auszug aus dem neuen Buch Mind Age von Hans Moravec, das 1997 entweder bei Oxford University Press oder im WWW erscheinen wird. Eine deutsche Ausgabe wird von Hoffmann und Campe vorbereitet. 

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